Das internationale Geschäft scheint eine historische Säule von LCL zu sein. Wie hat sich diese Kompetenz im Laufe der Zeit entwickelt?
Für uns ist das internationale Geschäft kein Trend, sondern eine Realität, die bis zur Gründung des Crédit Lyonnais in Lyon im Jahr 1863 durch Henri Germain zurückreicht. Bereits in den 1880er Jahren war die Bank mit Niederlassungen in London, Madrid, St. Petersburg und Alexandria weltweit vertreten und unterstützte damit die weltweite wirtschaftliche Expansion Frankreichs. Nach der Integration in die Crédit Agricole-Gruppe im Jahr 2003 konzentrierte sich die LCL wieder auf den heimischen Markt, blieb dabei jedoch ihrer Kernaufgabe treu: der nationalen Wirtschaft zu dienen und als Bank für Unternehmen zu fungieren, die den Schritt auf den globalen Markt wagen.
Vor fünf Jahren haben wir einen wichtigen Schritt unternommen, indem wir unsere Experten unter einer einheitlichen Führungsstruktur zusammengeführt haben, die in zwei Bereiche unterteilt ist: „Trade Export“ und „International Coverage“, um unsere Sichtbarkeit und Schlagkraft zu erhöhen. Mein Team besteht aus mehrsprachigen Bankern, die die Beziehungen zu ausländischen Konzernen pflegen, die in Frankreich tätig sind. Dies ist ein entscheidendes Segment, wenn man bedenkt, dass mittlerweile jedes vierte mittelständische Unternehmen in Frankreich von einer ausländischen Muttergesellschaft kontrolliert wird.
Sie arbeiten seit fast zehn Jahren mit Altios zusammen. Wie sieht die operative Bilanz dieser Partnerschaft aus?
Es handelt sich um einen großen Erfolg, der auf einer umfassenden Komplementarität beruht. Altios bietet Lösungen genau dort, wo die Rolle der Bank endet: Markteintrittsstudien, Rekrutierung lokaler Fachkräfte und das operative Management von Tochtergesellschaften. In den letzten zehn Jahren haben wir mehr als tausend Unternehmen an Altios vermittelt. Die aussagekräftigste Zahl ist unsere Zufriedenheitsquote: 60 % der erbrachten Dienstleistungen entfallen auf Vertragsverlängerungen durch bereits überzeugte Kunden.
Das wahre Kronjuwel dieser Partnerschaft ist jedoch das Buy-Side- M&A. Altios hat eine einzigartige Expertise darin entwickelt, im Auftrag unserer Kunden strategische Übernahmeziele für die internationale Expansion – unter anderem in den USA, Polen, Italien und Spanien – zu identifizieren und anzusprechen. Dieses Know-how macht externe Wachstumsprojekte für Unternehmen möglich, die dies alleine nicht schaffen würden.
Was sind derzeit weltweit die größten Herausforderungen für Führungskräfte in mittelständischen Unternehmen?
Das globale Geschäft spielt in der obersten Liga: Es ist ein äußerst anspruchsvolles Umfeld, in dem es keinen Spielraum für Ungenauigkeiten gibt. Die Herausforderungen sind vielfältig. Erstens die geopolitische Instabilität: Man wählt ein Land nicht mehr allein aufgrund seines Wachstumspotenzials aus, sondern aufgrund seiner langfristigen Stabilität. Angesichts der Spannungen in der Ukraine und im Nahen Osten ist „De-Risking“ zum Schlagwort geworden, um die Kontinuität der Lieferkette zu gewährleisten.
Als Nächstes steht der doppelte Wandel an – der ökologische und der digitale. Angesichts der CSRD-Richtlinie, des CO₂-Grenzausgleichsmechanismus (CBAM) und der ständigen Gefahr von Cyberangriffen müssen Unternehmen massiv in Rückverfolgbarkeit und Sicherheit investieren.
Und schließlich die menschliche Dimension, die bei einem Projekt oft über Erfolg oder Misserfolg entscheidet: Zu wissen, wie man den richtigen lokalen Manager findet und mit kulturellen Unterschieden umgeht, ist eine entscheidende Kompetenz. Ein kulturelles Versagen kann sich als ebenso kostspielig erweisen wie ein finanzielles.
Gibt esBeispiele dafür, bei denen sich die internationale Expansion als komplexer erwiesen hat als erwartet?
Die Expansion ins Ausland bringt immer Unvorhergesehenes mit sich. Ich habe erlebt, wie Unternehmen in Frankreich brillant erfolgreich waren, in China jedoch scheiterten, weil sie von agileren lokalen Akteuren kopiert wurden, bevor sie sich etablieren konnten. Ich habe auch erlebt, wie Unternehmen in den USA scheiterten, weil sie das schiere Ausmaß der anfänglichen Vorabinvestitionen (Gehälter, Vertriebskosten) nicht vorhergesehen hatten, die erforderlich waren, um die Gewinnschwelle zu erreichen.
Ein einfacher Ratschlag für Führungskräfte: Wagen Sie den Schritt ins Ausland erst, wenn die finanzielle Lage der Muttergesellschaft absolut solide ist. Eine internationale Expansion erfordert über einen längeren Zeitraum hinweg nachhaltige Ressourcen. Deshalb ist es unerlässlich, sich auf das gesamte Ihnen zur Verfügung stehende Ökosystem zu stützen: öffentliche Einrichtungen wie Bpifrance und Handelskammern sowie private Partner wie Banken und Altios – all dies, um die Risiken in jeder Phase des Weges zu minimieren.
Oft wird angenommen, dass eine globale Expansion nur den Giganten vom Typ „Fortune 500“ vorbehalten ist. Trifft das in der Praxis wirklich zu?
Ganz im Gegenteil. Frankreich hat ein echtes Gespür für wirtschaftliche Expansion im Ausland. Heute sind weltweit 56.000 französische Tochtergesellschaften tätig, die 7 Millionen Menschen beschäftigen und einen Umsatz von über 2,4 Billionen Euro erwirtschaften. Zwar haben große Konzerne großes Gewicht, doch die 7.000 französischen mittelständischen Unternehmen sind der eigentliche Motor dieser Dynamik: Sie allein machen 30 % der nationalen Exporte aus, bei einer durchschnittlichen Exportquote von 20 %. Einige Nischen-KMU erzielen sogar bis zu 80 % ihres Umsatzes außerhalb der Landesgrenzen.
Als Banker – müssen Sie manchmal bestimmte Ambitionen zurückstellen?
Die globale Expansion ist eine unglaubliche Herausforderung, aber auch ein Abenteuer, das strenge Disziplin erfordert. Manchmal müssen wir „Nein“ oder „Im Moment nicht“ sagen. Es gibt zwei Hauptgründe, aus denen wir Projekte ablehnen. Der erste ist regulatorischer Natur: Bei Sanktionslisten gehen wir keine Kompromisse ein – dies ist ein entscheidender Schutz sowohl für die Bank als auch für das Unternehmen. Der zweite Grund betrifft die finanzielle Reife: Eine zu frühe Expansion ohne die nötige finanzielle Basis ist riskant. Der Aufbau einer physischen Präsenz im Ausland ist ein qualitativer Sprung gegenüber dem direkten Export – er ermöglicht es, Zwischenhändler auszuschalten und Handelsbarrieren zu umgehen, wie wir es in den USA tun, um bestimmte Zölle zu vermeiden –, erfordert jedoch eine Finanzstruktur, die in der Lage ist, die anfänglichen Investitionsausgaben (CAPEX) zu tragen.
Bei der Weltreise geht es also in erster Linie um die Vorbereitung?
Genau. Eine erfolgreiche Internationalisierung ist ein Projekt, bei dem das Risiko sorgfältig abgewogen wurde und unter Kontrolle ist: kompetentes Management, vorherige Exporterfahrung und solide Unterstützung durch das Ökosystem – Exportversicherung, Bpifrance, Altios und natürlich die Hauptbanken des Unternehmens. Wenn alles richtig strukturiert ist, verwandelt sich das Risiko in eine außergewöhnliche Wachstumschance.
Das internationale Geschäft ist wie Monsieur Jourdains Prosa: Meistens betreibt man es, ohne es zu merken (Einkauf, Vertrieb, Neuentwicklungen). Doch der erfolgreiche Aufbau einer marktbeherrschenden Stellung im Ausland ist der ultimative Beweis dafür, dass man besser ist als die Konkurrenz. Bei LCL ist es unsere Philosophie, diese Projekte zu unterstützen, damit wir gemeinsam in der „Premier League“ der Wirtschaft mitspielen können. Also, auf geht’s!
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