Internationale Einblicke

Erkenntnisse des BVMW

Andreas Jahn

Leiter des Bereichs International, Bundesverband Mittelständische Wirtschaft

Wir sind zutiefst davon überzeugt, dass die europäische Solidarität von entscheidender Bedeutung ist. Interne Spaltungen sind ein Luxus, den sich Europa nicht mehr leisten kann.

Kulturerbe

50-jähriges Bestehen

95 Niederlassungen weltweit

Globale Präsenz

3,700,000

Vertretung von KMU und Mid-Cap-Unternehmen (über 37 Branchenverbände in 94 Sektoren)

28,000

Mitgliedsunternehmen

Wichtige Punkte

Ein Unternehmen im Ausland außerhalb des öffentlichen Marktes erwerben

Könnten Sie den BVMW und seine Rolle als Interessenvertretung deutscher KMU vorstellen?

Mit seiner 50-jährigen Geschichte ist der BVMW der größte und einflussreichste Verband, der kleine und mittlere Unternehmen in Deutschland vertritt. Durch unseren Zusammenschluss mit 37 branchenspezifischen Organisationen, die 94 Branchen abdecken, vertreten wir indirekt insgesamt 3,7 Millionen Unternehmen.

Dieses Wirtschaftsgefüge hat enormes Gewicht: Es macht den Großteil der Arbeitsplätze, Steuereinnahmen und des gesellschaftlichen Engagements in den deutschen Regionen aus. Auf europäischer Ebene haben wir uns mit unseren italienischen Partnern (Confapi) sowie mit portugiesischen, spanischen und anderen Verbänden zusammengeschlossen, um einen Zusammenschluss von 3,2 Millionen Unternehmen zu bilden, die zusammen einen Umsatz von 790 Milliarden Euro erwirtschaften.

Was unterscheidet den BVMW grundsätzlich von anderen Arbeitgeberverbänden?

Was uns grundlegend auszeichnet, ist unser flächendeckendes Netzwerk. In jedem einzelnen der 638 Wahlkreise Deutschlands gibt es einen engagierten BVMW-Experten, der in direktem Kontakt mit dem jeweiligen Abgeordneten steht. Wann immer sich eine gesetzgeberische Frage stellt, versorgt dieser Experte die Gesetzgeber mit konkreten Erkenntnissen, Beispielen aus der Praxis und Empfehlungen aus der Basis.

In jedem Bundesland haben wir einen Kollegen und eine Zweigstelle. Unsere Kollegen pflegen enge Beziehungen zu den lokalen Abgeordneten. Wann immer vor Ort etwas nicht funktioniert, wenden wir uns direkt an den lokalen Abgeordneten und erläutern, was getan werden muss. Politiker wissen genau, wofür der Mittelstand steht: Ohne diese Unternehmen gäbe es keine Steuereinnahmen und keine Sozialleistungen. Diese Tatsache erfordert ein Maß an aufmerksamem Zuhören, das große, institutionelle Wirtschaftsverbände nicht immer so leicht erreichen.

Welche Rolle spielt der Begriff „Mittelstand“ auf internationaler Ebene?

Der Begriff „Mittelstand“ reicht weit über die Grenzen Deutschlands hinaus. Er hat in politischen und wirtschaftlichen Kreisen weltweit eine äußerst positive Konnotation.

Es hat in politischen und wirtschaftlichen Kreisen weltweit eine äußerst positive Konnotation. Genau diese Bezeichnung öffnet Türen zu ausländischen Regierungen und Staatsoberhäuptern. Unsere jährliche Veranstaltung in Berlin, der „Zukunftstag“, bringt jedes Jahr 5.500 Unternehmer sowie zahlreiche Außenminister und Staatsoberhäupter zusammen. Im Jahr 2025 gehörten die Ministerpräsidenten von Thailand und Malaysia zu den Teilnehmern.

Der Begriff „Mittelstand“ ist von Natur aus mit viel Ansehen und Sympathie verbunden. Das ist der Grund, warum wir im Parlament so erfolgreich sind.

Was ist Ihrer Meinung nach die größte Errungenschaft des BVMW?

Unsere größte Errungenschaft ist nicht ein einzelner legislativer Erfolg oder eine Mitgliederwerbekampagne, sondern vielmehr eine strukturelle Errungenschaft auf europäischer Ebene: der Aufbau eines gemeinsamen Netzwerks zur Vertretung von KMU.

Indem wir den BVMW mit vergleichbaren Organisationen zusammenbrachten – darunter METI in Frankreich, Confapi in Italien, COTE in Portugal, spanische Verbände und weitere Partner –, trugen wir dazu bei, einen einheitlichen Block zu bilden, der 3,2 Millionen Unternehmen mit einem Gesamtumsatz von 790 Milliarden Euro vertritt.

Früher blieb jeder auf seiner eigenen Spur. Doch mittlerweile haben wir auf europäischer Ebene einen Zusammenschluss von 3,2 Millionen Unternehmen gebildet, die einen Umsatz von 790 Milliarden Euro erwirtschaften. Das ist wirklich beachtlich.

Zu dieser Partnerschaft gehört auch Altios, das aufstrebende mittelständische Unternehmen vertritt. Ziel ist es, unsere Netzwerke zu bündeln, die wirtschaftlichen Verbindungen zwischen den europäischen Ländern zu verstärken und gemeinsam der Stimme der KMU mehr Gewicht zu verleihen.

Beschränkt sich die internationale Ausrichtung des BVMW auf diese Netzwerke?

Unsere jährliche Veranstaltung hat sich zu einer echten politischen Plattform entwickelt, auf der Unternehmer, Gesetzgeber und Staatschefs aus aller Welt zusammenkommen. Diese Präsenz verschafft uns echten diplomatischen Einfluss und ermöglicht es unseren Mitgliedern, Kontakte zu knüpfen, wie sie nur wenige andere Organisationen bieten können. Es ist wirklich eine erstklassige Plattform für den Austausch.

Vor welcher strukturellen Herausforderung stehen Sie täglich?

Wir müssen sehr verstreute Interessen gegen die massive Lobbykraft großer Industriekonzerne verteidigen. Allein Siemens beschäftigt in Brüssel 240 Mitarbeiter, die sich ausschließlich um die eigenen regulatorischen Belange kümmern. Wir hingegen setzen zwei Personen ein, um Hunderttausende von Unternehmen zu vertreten.

Mein Ziel ist es immer, den „Großen“ ein wenig „auf die Nerven zu gehen“ und mich für unsere KMU einzusetzen. Das ist eine sehr edle und notwendige Aufgabe. Aber es ist ein bisschen so, als würde Sisyphus seinen Felsbrocken vor sich her schieben. Wie Camus sagte: Man muss sich Sisyphus als einen glücklichen Menschen vorstellen.

Der alle vier Jahre stattfindende Wechsel der politischen Akteure zwingt uns dazu, regelmäßig wieder bei Null anzufangen: zu erklären, was der Mittelstand ist, Vertrauen wiederaufzubauen und neue Beziehungen zu knüpfen. Diese nie endende Arbeit ist die eigentliche Voraussetzung für langfristigen Einfluss.

HHat die jüngste Konjunkturschwäche zu einem Rückgang Ihrer Mitgliederzahlen geführt?

Die aktuelle Wirtschaftslage, der Krieg in der Ukraine, die explodierenden Energiekosten und die unberechenbare Handelspolitik der USA haben viele KMU geschwächt und sie dazu veranlasst, den Sinn der Zahlung von Verbandsbeiträgen in Frage zu stellen. Im Jahr 2024 haben wir 264 Mitglieder verloren – eine Tatsache, die wir offen anerkennen.

Unternehmen sehen sich mit hohen Kosten konfrontiert. Als Erstes versuchen sie, nicht unbedingt notwendige Ausgaben zu kürzen, und ein Mitgliedsbeitrag stellt zwangsläufig einen Kostenfaktor dar.

Unsere Antwort darauf ist, unseren konkreten Mehrwert kontinuierlich unter Beweis zu stellen: Zugang zu Entscheidungsträgern, internationale Netzwerke, Informationen zu regulatorischen Entwicklungen und hochkarätige Networking-Veranstaltungen. Die freiwillige Mitgliedschaft ist ein Ansporn, der uns dazu zwingt, Spitzenleistungen zu erbringen.

Wieden Aufstieg der chinesischen Spieler analysieren?

Bei jeder Reise nach China – zuletzt im Jahr 2024 – stellen wir fest, wie sich die Kluft in den Bereichen künstliche Intelligenz, Robotik und autonomes Fahren weiter vergrößert.

Seit fünfzehn Jahren bin ich von ihren Fortschritten beeindruckt. Der Zug ist bereits abgefahren. Vorsichtig geschätzt liegen wir im Bereich der künstlichen Intelligenz zwei bis drei Jahre zurück; sie haben uns schon vor langer Zeit weit hinter sich gelassen.

Chinesische Unternehmen legen 5-, 10- oder 15-Jahres-Pläne fest und halten sich strikt daran. Ihr sogenanntes „996“-Modell (Arbeit von 9 Uhr morgens bis 9 Uhr abends, 6 Tage die Woche) verdeutlicht eine radikal andere Arbeitskultur. Die Überschwemmung der europäischen Märkte mit Billigprodukten verschärft einen Preiskampf, den unsere KMU ohne starke institutionelle Unterstützung schlichtweg nicht verkraften können.

Ist die europäische Bürokratie ein Hemmnis für die Wettbewerbsfähigkeit von KMU?

Zwischen 2019 und 2024 wurden in einer einzigen Legislaturperiode der Europäischen Union 406 delegierte Rechtsakte erlassen. In Deutschland verschärft die Kultur des „Gold-Plating“ die Situation noch weiter: Wir fügen den europäischen Richtlinien systematisch zusätzliche Compliance-Auflagen hinzu, während unsere italienischen, rumänischen oder spanischen Wettbewerber diese wesentlich flexibler umsetzen.

Ein deutscher Unternehmer hält sich an jede einzelne Vorschrift und an alles, was in Brüssel beschlossen wird. Die Italiener, Rumänen und Briten hingegen betrachten die Überschreitung in der Regel pragmatischer und machen einfach weiter wie bisher. Dadurch verschaffen sie sich natürlich einen komparativen Vorteil.

Wir fordern eine radikale Vereinfachung der Vorschriften in Brüssel. Nur so kann die Wettbewerbsfähigkeit unserer KMU wiederhergestellt werden.

Wie ist Ihre Reaktion auf diesen doppelten Druck?

Europäische KMU und Mid-Cap-Unternehmen müssen sich ständig neu erfinden. Die Integration von künstlicher Intelligenz, Robotik und neuen Produktionstechnologien ist längst kein optionales Extra mehr, sondern eine Überlebensvoraussetzung.

Wir sind der festen Überzeugung, dass die europäische Solidarität absolut unverzichtbar ist. Interne Spaltungen sind ein Luxus, den sich Europa nicht mehr leisten kann.

Wenn wir uns in inner-europäischen Rivalitäten verzetteln, werden wir verlieren. Die Franzosen gegen die Italiener, die Spanier gegen die Briten: Diese Zeiten sind vorbei. Wir müssen uns auf alles konzentrieren, was die Stärke der Union ausmacht.

HWie funktioniert die Partnerschaft zwischen dem BVMW und Altios in der Praxis?

Unsere Partnerschaft mit Altios ist eine wechselseitige Zusammenarbeit. Ein französisches Unternehmen, das sich in Deutschland niederlassen möchte, kann unser Netzwerk nutzen, um die richtigen lokalen Ansprechpartner zu finden. Umgekehrt kann ein deutsches KMU, das nach Frankreich, Südamerika oder Asien expandieren möchte, auf die Expertise von Altios zählen.

Die geschäftliche Beziehung ist klar: Wir sorgen für den Deal-Flow, und Altios erbringt die Dienstleistungen und erzielt den wirtschaftlichen Nutzen – ein Modell der reinen Komplementarität ohne jeglichen direkten Wettbewerb. Wenn ein Unternehmen in Deutschland investieren möchte, vermitteln wir ihm Kontakte. Und wenn ein deutsches Unternehmen sich in Frankreich oder Asien niederlassen möchte, bilden wir ein hervorragendes Team.

Für die Zukunft möchten wir unsere Zusammenarbeit vertiefen, insbesondere im Hinblick auf gemeinsame Handelsmissionen in Drittmärkte wie Asien und Lateinamerika, wo sich unsere Netzwerke auf natürliche Weise ergänzen. Wir diskutieren derzeit die gemeinsame Organisation deutsch-französischer Wirtschaftsdelegationen und gemeinsamer Arbeitssitzungen.

Wir legen großen Wert auf das Konzept der Nachhaltigkeit: Die Partnerschaft muss auf langfristigen, gegenseitigen Interessen beruhen, zum letztendlichen Nutzen der europäischen KMU und Mid-Cap-Unternehmen.

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